Logo Kanton Bern / Canton de BerneBerufsbildungsbrief

Allgemeinbildung – «Allgemeinbildung wirkt weit über das Berufsleben hinaus»

Bislang hat jede Berufsfachschule nach eigenem Allgemeinbildungs-Lehrplan, dem sogenannten «Schullehrplan», unterrichtet. Ab August 2026 gilt für die gewerblich-industriellen Berufe einer für alle. Projektleiter Kilian Schreiber erklärt im Interview die Gründe dafür und fasst die wichtigsten Neuerungen zusammen.

Karin Hänzi 

«Bisher hatten alle Berufsfachschulen ihre eigenen ABU-Lehrpläne, neu gilt einer für alle», sagt Kilian Schreiber.

Weshalb ist der allgemeinbildende Unterricht (ABU) in der Berufslehre wichtig?
Eine Lehre soll nicht nur auf den Beruf und aufs Arbeiten, sondern auch aufs Leben an sich vorbereiten. Hier spielt die Allgemeinbildung eine sehr wichtige Rolle. Mit dem Fokus auf übergeordnete Kompetenzen bildet sie die Basis für spätere Aus- und Weiterbildungen und nimmt viele Lebensaspekte abseits der Arbeit auf. Kommt hinzu: Verglichen mit den berufsspezifischen Inhalten hat der ABU eine deutlich längere Halbwertszeit. Was die Jugendlichen hier lernen, nützt ihnen lange und weit über das Berufsleben hinaus. Egal, was sie jetzt und später machen, Sprache, Kommunikation, Auftreten und die Fähigkeit, sich auszudrücken, sind immer wichtig, in Zeiten von Social Media und Fake News vielleicht sogar wichtiger denn je. Die Ansicht, ABU sei bloss nice to have, ist darum sehr kurzfristig gedacht. Umso mehr freue ich mich, dass wir mit dem neuen Rahmenlehrplan die Anzahl Lektionen halten konnten.

Weshalb braucht es einen neuen Rahmenlehrplan (RLP)?
Alle fünf Jahre werden die Bildungsverordnungen und Bildungspläne der Lehrberufe auf ihre Aktualität überprüft. Dieser Turnus stellt sicher, dass die Lerninhalte auf dem neusten Stand sind und fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft bleiben. Diesmal lagen die Treiber für die Überarbeitung in den aktuellen Megatrends: Allen voran die Digitalisierung der Gesellschaft sowie Nachhaltigkeit und Chancengleichheit haben dabei mehr Gewicht erhalten. Allein die Fragen, wie ich mich in den sozialen Medien bewege und wie ich grundsätzlich mit Medien umgehe, bieten Stoff für mehrere Lektionen.

Welche zentralen Neuerungen bringt der Lehrplan?
Neu ist die kantonale Vereinheitlichung, was einem Meilenstein gleichkommt. Bisher hatten alle Berufsfachschulen ihre eigenen ABU-Lehrpläne, neu gilt einer für alle, mit gewissen Freiräumen für regionale Anpassungen. Ein gutes Beispiel dafür sind volkswirtschaftliche Themen: Der jeweilige Schwerpunkt ist vorgegeben, die detaillierten Inhalte liegen in den Händen der Schule. So kann der allgemeinbildende Unterricht in St. Imier Bezug zur Uhrenindustrie nehmen, während in Interlaken die Tourismusbranche beleuchtet wird. Ein weiteres Kernelement des neuen RLP ist der Fokus auf Handlungskompetenz und Zirkularität, womit er sich an die Lehrpläne der Volksschule angleicht.

Weshalb sind diese Neuerungen relevant?
Die beiden letztgenannten Punkte sorgen für Kontinuität und übernehmen, was die Volksschule erfolgreich erprobt hat: Dadurch, dass bestimmte Inhalte wiederkehrend in allen Lehrjahren aufgegriffen werden, können die Lernenden ihre Kompetenzen auf unterschiedlichen Komplexitätsstufen weiterentwickeln. Die inhaltlichen Spielräume wiederum tragen der Vielfalt unseres Kantons Rechnung und machen auch didaktisch Sinn: Was einen Bezug zur eigenen Lebenswelt hat, erschliesst sich leichter und bleibt länger hängen. Die Standardisierung schliesslich erhöht die Vergleichbarkeit, was angesichts des eidgenössischen Abschlusses längst überfällig war. Ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis setzt voraus, dass alle in etwa auf dem gleichen Stand sind, in ihrem Wissen und ihren Kompetenzen.

Ab wann gilt der neue RLP und wie wird er eingeführt?
Im Sinne einer gesunden Ressourceneinteilung und engen Umsetzungsbegleitung haben wir uns für eine einlaufende, also schrittweise Einführung entschieden. Den Auftakt machen im August 2026 die Lernenden im ersten Lehrjahr, die anderen Lehrjahre folgen gestaffelt bis Ende 2027.

Allgemeinbildung 2030

Das Projekt «Allgemeinbildung 2030» ist Teil der verbundpartnerschaftlich getragenen Initiative «Berufsbildung 2030», die sich in 35 Projekten der Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit des Berufsbildungssystems verschreibt und mit ihren Stossrichtungen einen passenden Orientierungsrahmen schafft.

  • Mehr zum Thema

Mit dem kostenlosen Newsletter-Abonnement verpassen Sie keinen Beitrag im Berufsbildungsbrief. Der Newsletter erscheint fünf- bis sechsmal pro Jahr.

Jetzt abonnieren

Jede Woche erscheint in Berner Tageszeitungen der «Einsteiger» – ein redaktioneller Beitrag zu den Themen Berufswahl, Berufsbildung, Mittelschulbildung, Weiterbildung.

Beiträge lesen

Seite teilen