Sie benennt die blinden Flecken der Berufsbildung – und setzt sich damit dem «Vorwurf des Rufmords» aus: Nicole Cornu, Zentralsekretärin für Bildungspolitik und Jugend beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB).
Rolf Marti

Frau Cornu, was sagt Ihnen die Zahl 176 447?
Sie zeigt, wie gross die Unterstützung für unseren Appell «8 Wochen Ferien in der Lehre» ist. Die Unterschriften kamen in nur zwei Monaten zusammen. Das Anliegen trifft einen Nerv.
Weshalb brauchen Lernende acht Wochen Ferien?
Eine Studie zeigt: 61 Prozent der Lernenden berichten von psychischen Problemen. Diese akzentuieren sich während der Lehre aufgrund der hohen Anforderungen am Arbeitsplatz und in der Berufsfachschule. Zusätzliche Wochen Ferien bringen Entlastung. Einige Betriebe sehen das und gewähren freiwillig mehr Ferien. Wir fordern jedoch eine Lösung, von der alle Lernenden profitieren.
Wer soll das bezahlen?
Die Lehrbetriebe. Sie verdienen gut an den Lernenden und können sich das leisten. Mehr Ferien sind besser, als wenn sich die Lernenden wegen Überlastung krankschreiben lassen.
Wie sieht es mit dem Lohn aus? Verdienen Lernende genug?
Je nach Branche. Da gibt es krasse Unterschiede. In Bezug auf die Lehre sind dem SGB jedoch andere Themen wichtiger: Ausbildungsqualität, Jugendarbeitsschutz sowie das Recht auf Freizeit und Erholung.
Drei Negativschlagzeilen aus der SGB-Newsrubrik: «Lernende werden vergessen»; «Betriebe verdienen immer mehr an Lernenden»; «Lernende unter Druck: Zwei Drittel fühlen sich psychisch belastet». Was ist aus Sicht des SGB eigentlich gut an der Berufsbildung?
Wir kritisieren ein gutes System, um es besser zu machen. Wären Wirtschaft und Verwaltung offener für die blinden Flecken der Berufsbildung, müssten wir nicht immer den Miesepeter spielen … (lacht). Wer die Berufsbildung kritisiert, setzt sich rasch dem Vorwurf des Rufmords aus. Dabei sehen wir sehr wohl die positiven Seiten. Die Berufsbildung ermöglicht der Mehrheit der Jugendlichen eine berufsqualifizierende Ausbildung und den Zugang zum Arbeitsmarkt – auch solchen, die eher praktisch begabt sind. Zudem eröffnet sie im Idealfall den Zugang zu Weiterbildung, Lohnentwicklung und Potenzialentfaltung. Und: Sie ist ein für den Staat kostengünstiger Bildungsweg mit hoher gesellschaftlicher Integrationskraft.
Sie haben Politikwissenschaften studiert und einen Berufsbildner:innen-Kurs abgeschlossen. Kann eine Wissenschafterin jetzt auch Berufslernende ausbilden?
Nicht direkt. Es braucht immer jemanden, der im entsprechenden Beruf eine Lehre abgeschlossen hat. Während meiner Zeit beim Kaufmännischen Verband Schweiz war ich unter anderem als Praxisbildnerin tätig. Für diese ist ein Kursbesuch nicht obligatorisch, aber ich empfehle ihn allen, die mit der Ausbildung von Lernenden zu tun haben.
Bitte ergänzen Sie folgende Satzanfänge: Ich engagiere mich nicht auf Seite der Arbeitgeber, weil …
… sie ihre Interessen gut ohne mich vertreten können. Ich setze mich lieber für jene in der Gesellschaft ein, die es nötiger haben.
In der Tripartiten Berufsbildungskommission – dem strategischen Steuerungsgremium der Schweizer Berufsbildung – dringe ich mit meinen Anliegen am ehesten durch, wenn …?
… ich das nur wüsste … (lacht). Was hilft: gute Vorbereitung, Beispiele aus der Praxis und Forderungen, die wissenschaftlich untermauert sind.
Könnte ich in der Berufsbildung eine Massnahme im Alleingang umsetzen, …?
… würde ich ein griffiges Mitwirkungsrecht für Lernende einführen – auf Stufe Betrieb, Bildungsverbände, Politik. Entscheidungsträgerinnen und -träger reden viel über Lernende, aber selten mit Lernenden.
Zum Schluss: Warum haben Sie sich während der Berufswahl gegen eine Lehre entschieden?
Ich ging gerne zur Schule. Und: Alle Berufe, die mich interessierten, setzten einen Tertiärabschluss voraus. Ich stamme aber nicht aus einer Akademikerfamilie. Meine Eltern wollten, dass ich zum Lebensunterhalt möglichst viel selbst beitrage. Deshalb habe ich parallel zu Gymnasium und Studium immer gearbeitet – als Reinigungskraft, Küchenhilfe, Fabrikarbeiterin, Plakatiererin, Tagesmutter. Ich hatte oft eine Siebentagewoche.
Zur Person
Nicole Cornu stammt aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Ihre Mutter arbeitete im Detailhandel, ihr Vater und Bruder waren in der Metallindustrie tätig. Cornus Bildungs- und Arbeitsleben ist geprägt von der (politischen) Bildungsarbeit und der (Jugend-)Partizipation. Von 2008 bis 2012 war sie Präsidentin der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV). Nach ihrem Masterstudium in Gesellschaftswissenschaften mit Hauptfach Politikwissenschaft arbeitete sie beim nationalen Kompetenzzentrum éducation21 als Projektverantwortliche im Bereich politische Bildung. Anschliessend wechselte sie als Fachverantwortliche Grundbildung zum Kaufmännischen Verband Schweiz. Seit 2021 ist Cornu beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) als politische Sekretärin für die nationale Bildungspolitik verantwortlich. In dieser Funktion ist sie u. a. Mitglied der Tripartiten Berufsbildungskonferenz (TBBK) und im Fachausschuss des gewerkschaftlichen Bildungsinstituts Movendo. Seit Anfang 2026 ist Cornu zudem Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ).
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