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Reto Müller – «Sternengucker sind keine Fantasten»

Er war Realschullehrer und Stadtpräsident von Langenthal. Seit Juni 2026 ist er Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Bern. Im Köpfe-Interview spricht Reto Müller über Fixsterne, Chancengerechtigkeit, Goalie-Qualitäten und … Berufsbildung.

Rolf Marti 

«Das Versprechen ‹Kein Abschluss ohne Anschluss› müssen wir einlösen», sagt der neue Bildungsdirektor Reto Müller. Bild: zvg.

Sie waren bis zum Eintritt in den Regierungsrat Präsident der Schulsternwarte Langenthal. Sind Sie in dem Sinne ein Sternengucker, dass Sie von einer idealen Welt träumen?
Sternengucker sind keine Fantasten. Der Blick in die Sterne erlaubt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ursprung des Seins. So gesehen geht es weniger um das Träumen als um die Erweiterung der Realität. Die Grösse des Universums zeigt aber auch, wie begrenzt die menschliche Existenz ist. Hier kommt die Schulsternwarte ins Spiel: Indem wir jungen Menschen den Sternenhimmel zeigen, lernen sie – so hoffe ich – das Zusammenleben und die Möglichkeiten auf unserem Planeten schätzen.

An welchen drei Fixsternen werden Sie Ihre Bildungspolitik ausrichten?
Erstens: Chancengerechtigkeit. Jedes Kind soll seinen Weg gehen können, unabhängig von Herkunft oder Vermögen der Eltern. Zweitens: gute Lehrpersonen. Als ehemaliger Lehrer weiss ich: Bildung gelingt, wenn die Beziehungen stimmen. Drittens: Durchlässigkeit. Das Versprechen «Kein Abschluss ohne Anschluss» müssen wir einlösen. Fixsterne bewegen sich nicht: Diese drei Punkte müssen Bestand haben, auch wenn der politische Wind dreht.

Ihr Werdegang – Lehrer, Politiker, Bildungsdirektor – wirkt in sich logisch. Geschickte Karriereplanung oder glücklicher Zufall?
Politische Karriereplanung gibt es nicht. Vieles hängt davon ab, zur richtigen Zeit die richtigen Kompetenzen mitzubringen. Ich wurde Lehrer, um Kinder und Jugendliche zu fördern; ich ging in die Gemeindepolitik, um die Lebensumstände vor Ort zu verbessern. Als Regierungsrat und Bildungsdirektor habe ich die Chance, beides zu verbinden: für Kinder und Jugendliche da zu sein und die Rahmenbedingungen kantonal mitzugestalten.

Jetzt sind sie der höchste Berufsbildner im Kanton. Was verbindet Sie mit der Berufsbildung?
Ich habe zwölf Jahre lang Realschülerinnen und -schüler auf dem Weg in die Berufswelt begleitet. Viele dachten am Anfang, sie hätten keine Chance. Und dann blühten sie auf, weil sich ihnen dank einer Lehre Perspektiven auftaten. Diese Erfahrung hat mich geprägt: Die Berufsbildung ist ein erstklassiger Weg. Und als Stadtpräsident von Langenthal, einem gewerblich-industriellen Zentrum, habe ich täglich mitbekommen: Ohne gut ausgebildete Berufsleute geht nichts.

Wie sieht Ihre Vision für die Berner Berufsbildung aus?
Exzellenz auf allen Bildungsstufen und für alle – nicht nur für die Besten. Wichtig ist mir auch, dass wir Angebote für Menschen bereitstellen, die keine Lehre absolvieren können. Nur so erreichen wir die eigentliche Vision: eine Abschlussquote auf der Sekundarstufe II von hundert Prozent.

Vor welchen Herausforderungen steht der Kanton Bern in der Berufsbildung?
Der technologische Wandel verändert ganze Berufsfelder in rasantem Tempo. Was wir heute lernen, ist morgen vielleicht schon irrelevant. Unsere Berufsfachschulen müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten. Dann müssen wir sicherstellen, dass weiterhin alle Regionen über ein gutes Angebot der Berufsbildung verfügen. Das setzt enge Kooperationen mit OdAs und Unternehmen voraus. Schliesslich: der Fachkräftemangel. Wir müssen dafür sorgen, dass es genügend Lehrstellen gibt und Lehrbetriebe und Lernende zusammenfinden.

Der Langenthaler Schriftsteller Pedro Lenz schrieb den Roman «Dr Goalie bin ig». Sie standen früher zwischen den Pfosten des SC Grossrat. Sind Langenthaler geborene Torwarte?
An dieser Frage hätte Pedro Lenz seine Freude. Ob Langenthaler die geborenen Torhüter sind, wage ich nicht zu behaupten. Aber als Stadtpräsident oder Regierungsrat braucht man Goalie-Qualitäten. Man muss das ganze Spielfeld überblicken, in hektischen Phasen Ruhe bewahren und im richtigen Moment zupacken.

Zum Schluss drei Auswahlfragen und je eine kurze Begründung. Bildung oder Kultur?
Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Bildung ist der Boden, auf dem Kultur erst gedeihen kann; Kultur wiederum verleiht der Bildung Sinn und Richtung. Beide sind nicht umsonst in einer Direktion vereint.

Eishockey oder Fussball?
Mein Herz schlägt für YB. Aber als Oberaargauer halte ich auch dem SC Langenthal die Treue.

E-Bike oder Bio-Bike?
Ich fahre meist ein E-Bike aus dem Kanton Bern, das aussieht wie ein Bio-Bike …

Zur Person

Reto Müller (1978) absolvierte das Lehrerinnen- und Lehrerseminar in Langenthal und ein Nachdiplomstudium für Realschullehrpersonen an der Universität Bern und der PHBern. Er unterrichtete zwölf Jahre als Realschullehrer in Bützberg, anschliessend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der PHBern tätig. 2008 wurde er als jüngster Stadtratspräsident Langenthals vereidigt, 2009 wechselte er in den Gemeinderat (Exekutive), 2013 in den Grossen Rat des Kantons Bern. Von 2017 bis Mai 2026 amtete er als Stadtpräsident von Langenthal. Seit Juni 2026 leitet er als Berner Regierungsrat die Bildungs- und Kulturdirektion. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.

  • www.retomueller.be

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