Während acht Jahren war Bildungs- und Kulturdirektorin Christine Häsler die höchste Berufsbildnerin des Kantons Bern. Ende Juni gibt sie ihr Amt ab. Im Köpfe-Interview spricht sie über die Berufsbildung, das Lauberhornrennen, die Kraftwerke Oberhasli und über befremdliche Redewendungen. Aber insbesondere sagt sie «Dankeschön!»
Rolf Marti

Wenn Sie sich als Bildungs- und Kulturdirektorin entscheiden müssten: Welchen Bereich nehmen Sie – Bildung oder Kultur?
Weshalb fragen Sie mich nicht: Welches Ihrer beiden Geschwister mögen Sie lieber? Bildung und Kultur gehören untrennbar zusammen. Kultur ist fester Bestandteil jeder Bildung; und Bildung vermittelt unter anderem die Kultur des Zusammenlebens.
Sie sind mit einer kaufmännischen Grundbildung ins Berufsleben gestartet. Welche damals erworbene Kompetenz hat Ihnen als Regierungsrätin zuweilen die Haut gerettet?
Das Zehnfingersystem … (lacht). In Ernst: Entscheidend für den Erfolg meiner Arbeit war, konsequent auf Teamwork zu setzen – im Kleinen wie im Grossen. Auf persönlicher Ebene hat mir geholfen, dass ich belastbar und bodenständig bin.
Acht Jahre höchste Berufsbildnerin des Kantons Bern: Was haben Sie erreicht, das Sie besonders stolz macht?
Ich fände es anmassend, stolz auf mich zu sein. Stolz bin ich auf die gute Partnerschaft, die wir innerhalb der Berufsbildung pflegen, auf das Miteinander mit den Verantwortlichen in Lehrbetrieben, Berufsfachschulen, überbetrieblichen Kursen und den Institutionen der höheren Berufsbildung. Nur gemeinsam bringen wir die Berufsbildung voran. Für das enorme Engagement, das auf allen Ebenen geleistet wird, und für das konstruktive Miteinander sage ich von Herzen: Dankeschön!
Sie gehören der Grünen Partei an. Wie ökologisch ist die Berufsbildung unter Ihrer Führung geworden?
Ich verwende lieber den Begriff «nachhaltig». Er beinhaltet auch die wirtschaftliche und die soziale Dimension. Die Berufsbildung ist in jeder Hinsicht nachhaltig. Sie ist zentral für das Funktionieren unserer Wirtschaft; sie integriert junge Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt; und sie vermittelt Kompetenzen, die für die ökologische Wende zentral sind. Aber wenn Sie ein Beispiel aus dem Bereich Ökologie wünschen: Ich habe mich gegen Widerstände dafür eingesetzt, dass die neuen beruflichen Grundbildungen Solarinstallateur/in EFZ und Solarmonteur/in EBA auch im Kanton Bern beschult werden.
Bitte entscheiden Sie sich nachfolgend für jeweils einen Begriff und begründen Sie Ihre Wahl kurz: Frauenlauf oder Lauberhornrennen?
Bei allem Respekt für den Frauenlauf: Lauberhornrennen. Ich bin in Grindelwald aufgewachsen und habe mir schon als Kind die Rennen vor Ort angeschaut.
Stadt oder Land?
Im Kanton Bern sollte man beides gemeinsam denken. Als Politikerin, die in Grindelwald wohnt und in Bern arbeitet, habe ich mich immer als Brückenbauerin verstanden.
Handarbeit oder Deutsch?
Deutsch. Als Kind habe ich so viele Bücher wie nur möglich verschlungen – was für die Tochter einer Bergbauernfamilie nicht einfach war, da es auf dem Hof immer etwas zu tun gab. Was die Handarbeit betrifft: Leider habe ich nicht das Talent meiner Mutter geerbt.
Wok oder KWO (Kraftwerke Oberhasli)?
Eine lustige Frage. Ohne KWO kein Wok. Man könnte höchstens Blumen darin pflanzen ... Bei den KWO war ich vor meiner Wahl in den Regierungsrat tätig. Bis heute habe ich Respekt vor den Pioniertaten, die unsere Vorfahren im Grimselgebiet vollbracht haben.
Noch bleibt Ihnen eine Woche im Amt. Setzen Sie in der Berufsbildung einen letzten Akzent?
«Akzente setzen» klingt für mich wie «Präsenz markieren» … (lacht). Solche Redewendungen sind mir eher fremd. Aber worauf ich mich noch freue: Aktuell läuft zum zweiten Mal die TikTok-Kampagne zur Vermarktung offener Lehrstellen 2026. Wir setzen sie mit den Verbänden Berner KMU und HIV um – ein gutes Beispiel für das partnerschaftliche Vorgehen innerhalb der Berufsbildung.
Ab Juni können Sie wieder vermehrt über Ihre Zeit verfügen. Wie wär’s mit einer zweiten Lehre im Rahmen des Berufsabschlusses für Erwachsene?
Toll, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Erwachsene über diesen Weg zu einem ersten oder zweiten Bildungsabschluss gelangen. Ich für meinen Teil muss passen. Ich stehe vor der Pensionierung. Aber keine Sorge, ich werde nicht Däumchen drehen, sondern mich mehrheitlich im Rahmen der Freiwilligenarbeit für Menschen engagieren, die in unserer Gesellschaft zu kurz kommen.
Zur Person
Christine Häsler (1963) wuchs in Grindelwald auf. Nach der Schule absolvierte sie eine kaufmännische Lehre. Später arbeitet sie unter anderem als Gemeindeschreiberin und schliesslich als Leiterin Kommunikation der Kraftwerke Oberhasli (KWO). Ihr Engagement für Gesellschaft und Umwelt führte sie in die Politik: Von 2002 bis 2015 politisierte sie für die Grünen im Berner Grossen Rat, davon acht Jahre als Fraktionspräsidentin; von 2015 bis 2018 dann im Nationalrat.
2018 wurden sie in den Regierungsrat des Kantons Bern gewählt, wo sie die Bildungs- und Kulturdirektion (BKD) übernahm. Sie setzte sich u. a. für gute Arbeitsbedingungen von Lehrpersonen, die Stärkung der Berufsbildung und einen chancengerechten Zugang zu Bildung und Kultur ein. Zentrale Herausforderungen in ihrer Amtszeit waren die Bewältigung der Corona-Pandemie, der Lehrkräftemangel und die Digitalisierung der Schulen.
Mit dem kostenlosen Newsletter-Abonnement verpassen Sie keinen Beitrag im Berufsbildungsbrief. Der Newsletter erscheint fünf- bis sechsmal pro Jahr.
Jede Woche erscheint in Berner Tageszeitungen der «Einsteiger» – ein redaktioneller Beitrag zu den Themen Berufswahl, Berufsbildung, Mittelschulbildung, Weiterbildung.